NEUE HERAUSFORDERUNGEN

Die Gletscher schmelzen immer schneller, und mit ihnen verändert sich die gesamte hydrologische Situation in den Hochgebirgen – auch im Monte Rosa-Gebiet. Laut aktuellen Prognosen wird sich der Gornergletscher zwischen 2045 und 2060 bis zum Fuss der Monte-Rosa-Hütte zurückziehen und eine Fläche freilegen, in der sich ein grosser natürlicher See von etwa 3,5 Kilometer Länge bilden wird. Das Landschaftsbild verändert sich – unabhängig vom Projekt Gornerli – auf natürliche Weise: Anstelle von Gletschern werden künftig Moränen, Felsen, Steine und ein grosser See das Tal prägen.
In der sich derart veränderten Landschaft nutzt das Projekt Gornerli den Gletscherrückzug für den Bau einer rund 85 Meter hohen Staumauer und die Schaffung eines Wasserspeichers mit einem Volumen von max. 150’000’000 m3. Dieser Wert entspricht einem theoretischen Höchstwert, der sich aus der Form des Tals und den künftigen Zuflussmengen der Gornera ergibt. Das tatsächliche Volumen, das derzeit noch geprüft wird, hängt auch von den zukünftig nutzbaren Zuflussmengen im gesamten Einzugsgebiet der Grande Dixence ab. Diese Studien sind wiederum von den Klimaszenarien sowie von der geltenden Gesetzgebung abhängig.

Zukünftiger natürlicher (dunkle Fläche) und künstlicher (dunkle und helle Fläche) See, nachdem sich der Gletscher vollständig zurückgezogen hat (zwischen 2045 und 2060)
In den kommenden Jahren werden die Zuflüsse in den Gornerli-See aufgrund der Gletscherschmelze ansteigen, bevor sie allmählich wieder abnehmen und sich dann stabilisieren. Das nutzbare Volumen des Stausees wird nach der Inbetriebnahme schrittweise ansteigen und nach dem vollständigen Rückzug des Gletschers voll genutzt werden können. Zurzeit werden im Labor für Hydraulik, Hydrologie und Glaziologie der ETH Zürich und mit Unterstützung weiterer externer Fachleute Untersuchungen zur Entwicklung der zukünftigen Zuflüsse und zum Gletscherrückgang durchgeführt. Basierend auf diesen Ergebnissen erfolgt dann im Rahmen der Bauprojektierung die definitive Dimensionierung der geplanten Stauanlage.
SCHUTZGEBIET UND INTERESSENSABWÄGUNG
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Die geplante Staumauer entsteht an einem topographisch und geologisch günstigen Standort: in einer natürlichen Talverengung, mit grossem Wassereinzugsgebiet und geringer Sichtbarkeit. Das Projekt umfasst eine Bogenstaumauer sowie eine unterirdische Pumpstation. Der Gornerli-Stausee ist ein reiner Wasserspeicher, der in die bestehende Infrastruktur der Grande Dixence integriert wird. Deshalb müssen weder neue Strassen noch neue Freileitungen gebaut werden. Das Wasser wird in den bestehenden Kraftwerkzentralen von Fionnay, Nendaz und Bieudron turbiniert.

Die Staumauer und der künftige Wasserspeicher werden sich im Gebiet «Dent Blanche – Matterhorn – Monte Rosa» befinden, das im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) aufgelistet ist. Mit dem Projekt wird ein vorrangiger Schutz von Umwelt und Landschaft sichergestellt, im Einklang mit der geltenden Gesetzgebung und den geltenden Gepflogenheiten. Bei nicht verhinderbaren Auswirkungen sind passende Ersatz- und Ausgleichsmassnahmen zu ergreifen. Um den bestmöglichen Schutz und gezielte Kompensationsmassnahmen zu erreichen, wird im Rahmen der derzeit laufenden Umweltverträglichkeitsprüfung intensiv mit den zuständigen Behörden, externen Fachleuten und verschiedenen Interessenvertretern zusammengearbeitet. Das Ziel besteht darin, gemeinsam Lösungen zu finden, die eine ausgewogene Balance zwischen Schutz und Nutzung ermöglichen.
ERSATZ- UND AUSGLEICHSMASSNAHMEN
Die geltende Gesetzgebung sieht diverse Instrumente für den Schutz von Natur und Landschaft vor. Sind Schutzmassnahmen nicht möglich oder reichen sie nicht aus, müssen Wiederherstellungs- oder Ersatzmassnahmen ergriffen werden, um die baulichen Auswirkungen zu kompensieren. Für die Projekte des Runden Tisches verlangt das Gesetz darüber hinaus die Umsetzung von zusätzlichen Ausgleichsmassnahmen, die zusätzlich zu der bereits bestehenden Gesetzgebung zu ergreifen sind.
Angesichts des Umfangs des Projekts ist es nicht möglich, alle Kompensationsmassnahmen allein in der Gemeinde Zermatt durchzuführen. Ein Grossteil der Massnahmen erfolgt ausserhalb des Territoriums der Gemeinde Zermatt. Grundsätzlich erfolgen die Ersatzmassnahmen in natürlichen Umgebungen, die mit den durch das Projekt betroffenen Umgebungen vergleichbar sind. In Bezug auf Gornerli besteht die grösste Auswirkung in der Flutung des Gletschervorfelds, also des Gebiets, das zurzeit auf Grund des Rückzugs des Gletschers freigelegt wird und auf dem sich die für dieses Gebiet spezifische Pioniervegetation entwickelt.
All diese Massnahmen werden vom Bauherrn in enger Zusammenarbeit mit der Dialog-Gruppe Gornerli bestimmt, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinde Zermatt und des Kantons, der wichtigsten Umweltverbände sowie von weiteren lokalen Interessensgruppen wie dem Bergführerverein Zermatt und der SAC-Sektion Monte Rosa zusammensetzt. Der Prozess der Festlegung und Umsetzung der zusätzlichen Ausgleichsmassnahmen ist Gegenstand der politischen Diskussion auf Kantonsebene.
In Bezug auf das Verfahren ist eine Koordination auf Kantonsebene notwendig. Der Kanton hat dabei eine sehr zentrale, koordinierende Funktion zu übernehmen, weil die Kompensationsmassnahmen mehrheitlich ausserhalb des Territoriums der Standortgemeinde umzusetzen sind. Die Festlegung, Genehmigung und Realisierung dieser Kompensationsmassnahmen kann viel Zeit in Anspruch nehmen. Die neue Gesetzgebung (Beschleunigungserlass) bietet eine ausgewogene Lösung für dieses Problem. Der von den eidgenössischen Räten im September 2025 angenommene Beschleunigungserlass ermöglicht es unter bestimmten Voraussetzungen, die Umsetzung dieser zusätzlichen Ausgleichsmassnahmen vom Bewilligungsverfahren des Projekts zu entkoppeln. Künftig müssen diese Massnahmen nicht zwingend gleichzeitig mit dem Projekt bewilligt werden, wenn ihre Verschiebung aus objektiven Gründen erforderlich ist. Die Umsetzung ist in jedem Fall durch einen vom Bauherrn beim Kanton hinterlegten Betrag sichergestellt. Dieser Mechanismus betrifft jedoch nicht die ordentlichen Ersatzmassnahmen.
AUSWIRKUNGEN AUF DEN TOURISMUS
Der Rückzug des Gornergletschers und die damit verbundene Bildung eines natürlichen Sees wird das Landschaftsbild im gesamten Monte Rosa-Gebiet verändern. Die Region ist ein beliebtes Schweizer Ziel für Gletschertrekking, Skitouren und Heliskiing. Die dem Klimawandel geschuldeten Veränderungen werden dazu führen, dass sich die Bedingungen für die Ausübung dieser Aktivitäten erheblich verändern werden. Der Rückzug der Gletscher, die Bildung des natürlichen Sees in der freigelegten Fläche und die Zunahme der Naturgefahren sind alles Faktoren, die eine Anpassung der heutigen Praktiken erfordern werden.
Das Projekt Gornerli sieht einen grösseren See vor, dessen Seeniveau sich im Jahresverlauf ändert. Die Skiabfahrt Richtung Zermatt erfolgt derzeit durch die Talenge, die durch den Bau der Staumauer an dieser Stelle nicht mehr passierbar sein wird. Seit Anfang 2024 stehen der Bauherr sowie Vertreter der Bergführer, des Schweizer Alpen-Clubs und der Gemeinde Zermatt im Rahmen des Dialogs Gornerli in engem Kontakt, um eine Lösung zu erarbeiten, die eine möglichst einfache Abfahrt Richtung Zermatt ermöglicht. Zurzeit wird die Variante mit einem ca. 1,5 km langen Tunnel favorisiert.

